Machen wir aus einem ICH und DU ein WIR

Wenn aus Fremden Nachbarn werden, dann ist das ein Gewinn für alle. Fremd kann ich sein, weil ich neu in einer Stadt oder einem Land bin. Fremd kann ich auch sein, weil ich niemanden in meinen unmittelbaren Wohnumfeld kenne. Oder weil ich mich in einer neuen Gemeinde, Gruppe oder einem Verein nicht zurechtfinde. Mancher fühlt sich auch ein Leben lang fremd, weil er sich aufgrund seiner Herkunft, seines Glaubens, seines "Andersseins" von seiner Umgebung nicht angenommen fühlt.

 

Jeder kann ein Fremder sein. Auch im eigenen Land. Und jeder kann Nachbar werden, wenn wir alle aufeinander zugehen. Damit aus einem ICH und DU eine WIR wird. Diesen wichtigen Dialog zwischen den Menschen in unserer Stadt zu fördern und zu unterstützen, das ist das ambitionierte Ziel des diesjährigen Aktionsjahrs der katholischen Stadtkiche Duisburg.

 

Impulsgeber dieses Dialog sollen viele kleine und größere Veranstaltungen und Projekte sein, mit denen wir Anfang 2020 begonnen hatten. Die Palette reichte von thematischen Gottesdiensten über themenbezogene Veranstaltungen und Angebote im gesamten Stadtgebiet  bis zu einer engagierten Auseinandersetzung in Kunst und Kultur. Dann kam Corona und alles wurde anders. Aber wir machen weiter, auch wenn wir erst einmal viele Angebote absagen mussten. Die holen wir nach. Versprochen.

Start des Mottos war Anfang 2020

Was haben wir uns Anfang 2020 nicht alles mit unserem Motto  „Ich – DU – Wir: Wenn aus Fremden Nachbarn werden“ vorgenommen. Viele spirituelle Impulse, kulturelle und interreligiöse Angebote sowie manche ungewöhnliche Veranstaltung gemeinsam mit Partnern waren für den Jahresverlauf bereits geplant. Und jetzt? Im Aktionsplan hieß es immer öfter "Wegen Corona abgesagt" oder "Wegen Cororan verschoben".  Das war schade. Aber es eröffnete uns auch neue Perspektiven. Wir wurden kreativ, haben neue Angebote an den Start gebracht und wir durften gerade in Zeiten von Corona erleben: In unserer Stadt sind wir schon längst dabei, über alle gesellschaftlichen und religiösen Grenzen hinweg nachbarschaftlich in der Not zusammenzustehen.

Die Coronakrise hat in vielen von uns das Beste nach Außen gekehrt. Menschen gehen aufeinander zu, sie lassen sich ein auf Neues, Unbekanntes, durchaus auch Fremdes, um gemeinsam diese Krise zu überstehen. Wir sind kreativ geworden und schaffen über die unterschiedlichsten Wege neue Angebote, um anderen gerade jetzt Hilfe, Stütze und Lebensfreude zu vermitteln. Ohne Corona hätten wir diese Erfahrung so nicht gemacht. Was nicht heißen soll, dass wir die derzeitigen Herausforderungen im Umgang mit der für jeden von uns gesundheitlich und wirtschaftlich bedrohlichen Pandemie begrüße. Wir freuen mich dennoch darüber, wie viel Gutes und Mitmenschliches sie in unserer Gesellschaft hervorgebracht hat. Das zu erleben, macht uns hoffnungsfroh.


Ich – DU – Wir: Wenn aus Fremden Nachbarn werden

Wenn aus Fremden (im eigenen Umfeld) Nachbarn werden...

... unter dieses Motto hat die katholische Stadtkirche Duisburg gemeinsam mit Partnern und katholischen Verbänden unserer Stadt Anfang 2020 viele ihrer Angebote, Aktionen und Verstaltungen gestellt. Gemeinsam wollen wir mit Einzelangeboten, Aktionen und Veranstaltungen einen Beitrag dazu leisten, dass aus (gefühlt) Fremden gute Nachbarn werden - nicht nur in der konkreten Nachbarschaft unseres Wohnortes sondern auch innerhalb unserer Kirche. Denn sind wir mal ehrlich: Was weiß die eine Pfarrei unserer Stadt wirklich von der anderen? Was weiß die eine Gemeinde von der anderen. Kennen wir uns? Und arbeiten wir bei Bedarf gerne und offen zusammen? Oder schotten wir uns ab und wollen nur mit denen etwas zu tun haben, die uns vertraut sind? Das gilt für die Duisburger Pfarreien des Bistums Essen genauso wie für die des Bistums Münster, und erst recht, wenn man über die Grenzen des eigenen Bistums hinausdenkt.


Dabei wäre es bestimmt interessant, spannend und bereichernd, Akteure aus anderen Pfarreien und Bistümern kennenzulernen und sich gemeinsam mit ihnen auszutauschen, damit aus einem Ich und Du ein "Wir" wird. Doch natürlich wollen wir nicht allein im innerkirchlichen Raum etwas bewirken, sondern auch und ganz wesentlich in der Gesellschaft und unter den Menschen unserer Stadt Duisburg.

Wenn aus Fremden (aus anderen Ländern) Nachbarn werden ...

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Menschen nach Duisburg gekommen, genau wie in den Jahren zuvor und wohl auch wieder in diesem Jahr. Darunter unter anderem Asylbewerber, die vor Krieg und Zerstörung geflohen sind, und Menschen aus Südosteuropa, die in der Hoffnung auf ein neues und besseres Leben zu uns gekommen sind. Gleichgültig welche Meinung man zu diesem brisanten Thema vertritt: Wenn diese Menschen erst einmal hier bei uns angekommen sind, ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit, ihnen zu helfen, in unsere Gesellschaft hineinzufinden und ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

 

Es darf und soll bei uns nicht passieren, was im sächsischen Schneeberg an Weihnachten passierte: Da hing im Schaufenster eines ortsansässigen Händlers ein Zettel mit der Aufschrift: „Allen deutschen Familien ein ruhiges und friedliches Weihnachtsfest.“ Was für eine Perversion des weihnachtlichen Friedenswunsches, der gemäß der Bot-schaft des Engels allen Menschen guten Willens gilt, nicht nur den deutschen Familien. Gerade wir als Christen sind aufgerufen, die Stimme zu erheben und durch unser Handeln Gegenakzente zu setzen, wo Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus ihre abscheuliche Fratze erheben.

 

Viel wurde und wird in unseren Gemeinden getan, um Fremden zu helfen und aus Fremden Nachbarn zu machen. Wir dürfen darin nicht nachlassen, sondern sind aufgerufen, uns weiter zu engagieren. Vielleicht regt das Jahresthema dazu an.

Wenn aus Fremden (von Nebenan) Nachbarn werden ...

Kennen wir eigentlich die Menschen, die neben über oder unter uns im gleichen Haus wohnen? Oder die Nachbarn von nebenan? An vielen Stellen ist zu beobachten, daß man sich immer weiter zurückzieht, sein eigenes, ganz privates Leben lebt, ohne Kontakt zur Nachbarschaft.  Da kann es dann passieren, dass jemand monatelang tot in der Wohnung liegt und niemand ihn vermisst. Da kann es passieren, dass die alte Dame fürchterlich einsam ist und keinen findet, der ihr beim Einkaufen hilft, obwohl sie in einem großen Haus mit vielen Bewohnern wohnt.

 

Vereinsamung im Alter ist ein immer bedrängender werdendes Phänomen. Insbesondere bei Älteren über 80 Jahren besteht ein deutlich höheres Risiko einer sozialen Isolation, wenn besondere Problemlagen hinzukommen, die Einsamkeit und soziale Isolation begünstigen oder auslösen können. Dazu gehören zum Beispiel Schicksalsschläge, Erkrankungen, abnehmende körperliche Mobilität, mangelnde Angebote zur Begegnung, zunehmende Altersarmut oder ein Migrationshintergrund. Betroffene brauchen daher Unter-stützung, um aus ihrer Vereinsamung und aus sozialer Isolation herauszufinden. Hierzu braucht es eigentlich nur wenig: Einen wachsamen Blick, etwas Zeit, Zuwendung. So einfach kann die Gefahr von Vereinsamung gebannt werden. So einfach können aus Fremden Nachbarn werden!

Machen wir was draus: ICH– DU– WIR

Bei  "Ich - DU - Wir"  geht es uns um die Menschen in unserer Stadt in all ihrer Vielfalt. Wir wollen anregen, Gedankenanstöße geben, sensibilisieren und vor allem dazu beitragen, dass unsere Stadtgesellschaft immer mehr zum „Wir“ wird. Unsere Vision: Einer weiß vom anderen, man lernt sich kennen, respektiert sich, begegnet einander in Achtung und Wertschätzung. Fremdheit, die Vorurteile und Ängste begünstigt, werden abgebaut und man geht mehr aufeinander zu, kommt sich näher und trägt sich gegenseitig.

 

Unsere Vision einer solch wirklich lebenswerten Gesellschaft gründet in unserem Glauben an den Gott, der für uns in seinem Sohn Jesus Christus zum Du geworden ist. Oder umgekehrt: Gott hat gesagt: „Ich sende meinen Sohn, damit Du, Mensch, weißt, daß ich dich bedingungslos liebe und wir gemeinsam unterwegs sind.“ Diese Zusage Gottes ist uns Verheißung und Auftrag. Wir dürfen und sollen diese göttliche Liebe weitertragen und leuchten lassen, nicht nur für christliche Familien, sondern für alle Menschen.

 

Immer wieder neu wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern für Angebote sorgen, die unser Motto aufgreifen und konkret werden lassen. Damit nicht genug, wünschen wir uns, dass das Thema dort weiter mit Leben gefüllt wird, wo Menschen einander ganz konkret begegnen und miteinander leben: in den vielen alltäglichen Beziehungen und Begegnungen, wie sie auch und gerade in unserer Pfarreien, Gemeinden und in der Verbandsarbeit alltäglich sind.


Es wäre schön, wenn wir am Ende sagen könnten: Von unserer Aktion ist ein Impuls ausgegangen, den viele Menschen aufgegriffen haben und der viele Menschen erfasst hat. Ein Impuls, der dazu geführt hat, dass viele sagen können: „Wir waren einander fremd, jetzt kennen wir uns und sind Nachbarn geworden.“

Roland Winkelmann

Stadtdechant

Daniel Wörmann

Vorsitzender des Katholikenrats